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Barrierefreie Website: Wer verpflichtet ist und was sie kostet

Wer seit Juni 2025 zur barrierefreien Website verpflichtet ist, welche sechs Fehler in jeder Prüfung auftauchen, wie Sie selbst testen und was die Umsetzung kostet.

Aktualisiert August 2, 202612 Min.Lena Tarhonska · Mitgründerin & CEO bei Vezert
Designerin prüft Farbkontrast und Fokuszustände an einem Website-Entwurf

Eine barrierefreie Website ist eine Website, die weiter funktioniert, wenn eine Annahme wegfällt: die Besucherin sieht den Bildschirm nicht, kann keine Maus bedienen, hört das Video nicht, oder liest bei Sonne einhändig auf dem Handy.

Die meisten Unternehmen begegnen dem Thema als Compliance-Schreck kurz vor einer Prüfung. Diese Reihenfolge erzeugt das schlechteste Ergebnis: eine Sammlung von Flicken auf einer fertigen Website. Von der ersten Skizze an mitgedacht kostet dieselbe Anforderung fast nichts und verbessert die Seite nebenbei für alle.

Dieser Text behandelt die Gestaltungsentscheidungen statt der Norm: welche sechs Fehler in fast jeder Prüfung auftauchen, wie Sie in zehn Minuten selbst testen, was die Arbeit kostet, und wer seit dem 28. Juni 2025 tatsächlich verpflichtet ist.

Was eine barrierefreie Website ausmacht

Barrierefreiheit ist kein visueller Stil, und das ist der erste Punkt, der Klärung braucht. Websites, die die Anforderungen erfüllen, sehen aus wie jede andere gut gemachte Website. Was sich ändert, sind Entscheidungen, die sonst unbewusst fallen: wie viel Kontrast der Text hat, was beim Drücken der Tabulatortaste passiert, ob ein Eingabefeld noch verständlich ist, wenn der Platzhalter verschwindet.

Laut der Web Accessibility Initiative des W3C ruhen die Richtlinien auf vier Prinzipien: Inhalte müssen wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein. Diese vier Wörter sind im Gespräch mit einer Agentur nützlicher als die durchnummerierten Erfolgskriterien, weil sich daraus Fragen an einen Entwurf ableiten lassen.

Das wirtschaftliche Argument ist einfacher als das moralische. Etwa jeder sechste Mensch weltweit lebt mit einer wesentlichen Beeinträchtigung, und der Anteil steigt mit dem Alter deutlich, was für jedes Produkt zählt, das an Menschen über fünfzig verkauft wird.

PrinzipDie Frage an den EntwurfWas typischerweise scheitert
WahrnehmbarLässt sich das auch anders lesen oder hören?Text im Bild, zu wenig Kontrast, keine Untertitel
BedienbarGeht das auch ohne Maus?Menüs, die Hover brauchen, Fallen in Dialogen
VerständlichMacht eine müde Person das auf Anhieb richtig?Fehlermeldungen, die nur «ungültig» sagen
RobustÜbersteht das einen Screenreader?Bedienelemente aus reinen divs ohne Rolle

Wer seit Juni 2025 verpflichtet ist und wer nicht

Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, mit dem der European Accessibility Act in nationales Recht überführt wurde. Es betrifft allerdings nicht alle Websites, und die weit verbreitete Annahme «jede Website muss jetzt barrierefrei sein» ist in dieser Form schlicht falsch.

Erfasst sind Produkte und Dienstleistungen, die an Verbraucherinnen und Verbraucher gerichtet sind, unter anderem der elektronische Geschäftsverkehr, Bankdienstleistungen für Verbraucher, E-Books, Telekommunikation sowie Personenbeförderungsdienste. Eine reine Firmenpräsentation ohne Verkaufsfunktion fällt in der Regel nicht darunter, ein Onlineshop dagegen schon.

Für Kleinstunternehmen gibt es eine Ausnahme: Wer Dienstleistungen erbringt und weniger als zehn Personen beschäftigt sowie einen Jahresumsatz oder eine Jahresbilanzsumme von höchstens 2 Mio. € hat, ist von den Pflichten für Dienstleistungen ausgenommen. Für Produkte gilt diese Ausnahme nicht.

Die Marktüberwachung liegt bei den Ländern, gebündelt in einer gemeinsamen Stelle. Konkrete Bußgeldhöhen hängen vom Einzelfall ab und werden hier bewusst nicht beziffert; wer Klarheit für den eigenen Fall braucht, klärt das anwaltlich und nicht über einen Blogbeitrag.

Welche sechs Fehler in fast jeder Prüfung auftauchen

Sechs Fehler machen den überwiegenden Teil dessen aus, was in echten Prüfungen gefunden wird, und jeder einzelne ist eine Gestaltungsentscheidung und kein Programmierfehler. Die jährliche Auswertung WebAIM Million findet auf über 95 % der meistbesuchten Startseiten maschinell erkennbare Verstöße. Im Entwurf behoben kosten sie nichts, nach dem Livegang bedeuten sie Arbeit an fertigen Vorlagen.

  • Zu wenig Kontrast, meist Grau auf Weiß, weil es im Entwurf ruhiger wirkte.
  • Fehlende Alternativtexte, oder Alternativtexte, die den Dateinamen wiederholen.
  • Links mit dem Text «mehr erfahren», die ein Screenreader außerhalb des Zusammenhangs als Liste identischer Einträge vorliest.
  • Formulare, deren einziges Label der Platzhalter ist, der beim ersten Tastendruck verschwindet.
  • Bedienelemente aus reinen divs, für assistive Technik unsichtbar, weil sie keine Rolle tragen.
  • Videos ohne Untertitel, was gehörlose Menschen ausschließt und alle, die ohne Ton schauen.

Jeder dieser Punkte ist in einer Entwurfsdatei in Minuten geändert und im Produktionscode in Stunden. Dieses Verhältnis ist das ganze Argument dafür, Barrierefreiheit als Gestaltungsvorgabe und nicht als Entwickleraufgabe zu behandeln.

Designerin prüft Farbkontrast und Fokuszustände an einem Website-Entwurf
Alle sechs wiederkehrenden Fehler sind Gestaltungsentscheidungen, keine Programmierfehler

Wie Farbe, Kontrast und Fokus richtig gesetzt werden

Kontrast ist der häufigste Fehler und zugleich der am leichtesten zu vermeidende, weil er sich vollständig prüfen lässt, bevor eine einzige Zeile Code existiert und bevor irgendjemand eine Seite gebaut hat. Verlangt wird ein Verhältnis von mindestens 4,5 zu 1 zwischen Text und Hintergrund bei normaler Schrift und 3 zu 1 bei großer Schrift sowie bei den sichtbaren Rändern von Bedienelementen.

Die Falle liegt darin, dass Markenpaletten auf kalibrierten Monitoren in abgedunkelten Räumen entstehen. Ein mittleres Grau, das dort edel wirkt, ist auf dem Handy im Freien nicht mehr lesbar. Die Palette bereits bei der Markenentwicklung zu prüfen statt beim Seitenbau erspart eine ganze Kategorie von Nacharbeit.

Farbe darf außerdem nicht der einzige Bedeutungsträger sein. Ein Formular, das Fehler ausschließlich rot markiert, ist für den erheblichen Anteil an Männern mit Farbfehlsichtigkeit unbrauchbar. Ein Symbol und ein Satz dazu kosten eine Zeile.

Bleibt der Fokusindikator. Gestalterinnen entfernen die voreingestellte Umrandung des Browsers häufig, weil sie das Design stört, und ersetzen sie durch nichts. Diese eine Entscheidung macht die gesamte Website per Tastatur unbenutzbar und ist der schwerste Fehler, den wir regelmäßig auf ansonsten sauberen Seiten finden.

Wie Sie in zehn Minuten selbst testen

Die Tastaturbedienung ist der schnellste Weg, eine Website zu beurteilen, und sie braucht weder ein Werkzeug noch Vorkenntnisse. Legen Sie die Maus zur Seite, drücken Sie wiederholt die Tabulatortaste und beobachten Sie. Wer jedes Bedienelement erreicht, immer sieht, wo er gerade ist, und nirgends hängen bleibt, hat eine Seite in brauchbarem Zustand.

Drei Dinge gehen in der Praxis schief. Die Reihenfolge springt, weil Elemente visuell positioniert statt im Markup geordnet wurden. Ein Dialog öffnet sich, und die Tabulatortaste wandert weiter durch die Seite dahinter, sodass der Schließen-Knopf nicht erreichbar ist. Und ein Menü, das sich nur bei Mausberührung öffnet, ist schlicht nicht bedienbar.

Es braucht außerdem eine Möglichkeit, wiederkehrende Blöcke zu überspringen. Bei einer Seite mit großem Kopfbereich drückt eine Person sonst auf jeder einzelnen Unterseite zwanzigmal Tab, bevor der Inhalt beginnt. Ein Sprunglink besteht aus wenigen Zeilen und gehört zu den wirksamsten Korrekturen überhaupt.

Für all das ist kein Screenreader nötig. Tab, Enter, Escape und die Pfeiltasten decken die meisten ernsten Probleme in unter zehn Minuten auf.

Der Test, der zehn Minuten dauert

Ziehen Sie die Maus ab und versuchen Sie, die eigene wichtigste Aktion abzuschließen, also Kontaktformular, Terminbuchung oder Bestellung, ausschließlich mit der Tastatur. Die meisten Teams stellen binnen zwei Minuten fest, dass sich das Cookie-Banner nicht schließen lässt, das Menü nicht aufgeht oder der Fokus irgendwo mittendrin verschwindet. Machen Sie das vor jeder beauftragten Prüfung, denn es sagt Ihnen, ob Sie ein kleines oder ein strukturelles Problem haben.

Was ein Formular ohne Sicht bedienbar macht

Formulare sind der Ort, an dem Barrieren unmittelbar Geld kosten, weil das Formular in aller Regel die Konversion selbst ist und nicht nur ein Schritt davor. Die Anforderungen dazu sind unspektakulär und kurz, und trotzdem verletzt fast jede kommerzielle Seite mindestens eine davon.

Jedes Feld braucht ein sichtbares Label, das sichtbar bleibt. Ein Platzhalter ist kein Label: Er verschwindet beim ersten Tastendruck und lässt jeden, der unterbrochen wurde, raten. Zusammengehörige Felder brauchen eine Gruppierung, damit ein Screenreader sie als Einheit ankündigt.

Fehlermeldungen müssen sagen, was zu tun ist, nicht was falsch war. «Ungültige Eingabe» hilft niemandem, «Datum bitte als TT.MM.JJJJ eingeben» schon. Die Meldung muss außerdem angekündigt, dem Feld zugeordnet und erreichbar sein, woran eine optisch schöne Fehlerübersicht am Seitenanfang oft scheitert.

Zeitlimits verdienen eine Erwähnung, weil sie unsichtbar sind, bis sie schaden. Ein Buchungsvorgang, der die Sitzung nach zehn Minuten beendet, schließt alle aus, die langsamer lesen oder einen Screenreader nutzen, und diese Gruppe braucht messbar länger.

Warum Overlay-Tools keine Barrierefreiheit herstellen

Overlay-Werkzeuge, also jene eingeblendeten Barrierefreiheitsknöpfe, die gegen eine Monatsgebühr sofortige Konformität versprechen, verdienen eine klare und unmissverständliche Antwort, weil sie seit Mitte 2025 sehr gezielt an genau die Zielgruppe vermarktet werden, für die dieser Text geschrieben ist.

Sie stellen keine Barrierefreiheit her, und das lässt sich technisch begründen. Ein Overlay liegt über dem vorhandenen Markup und rät bei Bedeutung, die es nicht sehen kann: Es weiß nicht, was ein unbeschriftetes Bild zeigt, kann keine korrekte Überschriftenstruktur ableiten und keine Komponente reparieren, die keine Rolle trägt. Ändern kann es Schriftgröße und Farben, was Nutzerinnen im eigenen Browser ohnehin konnten.

Das praktische Argument wiegt schwerer als das theoretische. Screenreader-Nutzende berichten seit Jahren öffentlich, dass Overlays ihre eigene assistive Software stören, und Fachleute für Barrierefreiheit haben in einem breit unterzeichneten offenen Brief davon abgeraten.

Ehrlich gesagt kauft ein Overlay das Aussehen einer Lösung im Abonnement. Bewertet wird am Ende das darunterliegende Markup, von Prüfstellen wie von echten Nutzenden.

Person bedient eine Website ausschließlich mit der Tastatur und einem Screenreader
Tab, Enter und Escape decken die meisten ernsten Fehler in unter zehn Minuten auf, ganz ohne Werkzeuge

Was eine barrierefreie Website kostet

In eine neue Website eingebaut kostet Barrierefreiheit fast nichts zusätzlich. Kontrastprüfung, Fokuszustände, beschriftete Formulare und eine saubere Struktur sind Entscheidungen und keine Zusatzarbeit, und ein fähiges Team trifft sie ohnehin. Nach unseren veröffentlichten Preisen beginnt eine einzelne Seite bei 1.500 € und eine Website mit zehn bis dreißig Seiten bei 4.500 €, und die Barrierefreiheit steckt in diesen Zahlen statt obendrauf.

Nachrüsten ist wirtschaftlich etwas anderes. Kontrast und Alternativtexte sind günstig. Bedienelemente neu zu bauen, die aus reinen divs bestanden, oder eine Seite umzustrukturieren, deren visuelle Reihenfolge nicht der Markup-Reihenfolge entspricht, ist Arbeit an Vorlagen und liegt je nach Anzahl der Vorlagen typischerweise zwischen 2.000 € und 8.000 €.

Eine Expertenprüfung mit assistiver Technik auf einer mittelgroßen Seite ist für sich genommen ein vierstelliger Auftrag, weshalb die kostenlosen Durchgänge zuerst kommen sollten.

Die entscheidende Zahl ist nicht der Reparaturpreis, sondern das Nacharbeitsverhältnis. Ein Kontrastproblem in der Entwurfsdatei ist eine Änderung von fünf Minuten. Dasselbe Problem nach dem Livegang berührt jede Vorlage, das Designsystem und die Tests. Alle Beträge netto zuzüglich 19 % Umsatzsteuer.

ZeitpunktAufwandWarum
In der EntwurfsdateiPraktisch nullPalette, Fokus und Labels sind Entscheidungen
Während der UmsetzungGeringSemantisches Markup statt divs, gleicher Aufwand
Nach dem Livegang, nur Inhalte500 € – 2.000 €Alternativtexte, Kontrast, Linktexte über bestehende Seiten
Nach dem Livegang, strukturell2.000 € – 8.000 €Komponenten und Vorlagen neu bauen, plus Nachtests
Expertenprüfung mit assistiver TechnikVierstelligManuell, langsam, findet als einzige echte Aufgabenfehler

Wie Sie eine Agentur dafür auswählen

Wer eine barrierefreie Website erstellen lassen will, steht vor einem Markt, in dem seit Mitte 2025 auffällig viele Anbieter das Thema plötzlich im Angebot führen, ohne dass die Prüftiefe dahinter vergleichbar wäre. Vier Fragen trennen die Spreu vom Weizen, und alle vier gehören schriftlich beantwortet.

Prüfen Sie mit assistiver Technik oder nur mit einem automatischen Werkzeug? Automatische Prüfungen finden nur einen Teil der echten Probleme, häufig auf rund 30 % geschätzt. Wer ausschließlich ein Werkzeug laufen lässt, liefert eine saubere Liste und eine unbenutzbare Seite.

Setzen Sie ein Overlay ein? Wenn ja, fragen Sie, warum, und rechnen Sie die Monatsgebühr über drei Jahre hoch.

Ist die Prüfung im Angebot enthalten oder kommt sie danach? Das ist die Zeile, die viele Angebote scheinbar günstiger aussehen lässt.

Wer schreibt die Alternativtexte? Für einen Bildbestand von einigen hundert Aufnahmen ist das ein eigener Posten, und er bleibt sonst bei Ihnen hängen. Wie das in ein Gesamtprojekt passt, beschreibt unser Leitfaden zur Firmenwebsite.

Barrierefreiheit im Angebot statt als Nachtrag?

Wir bauen [Unternehmenswebsites](/de/unternehmenswebsites) mit Kontrast, Fokuszuständen, beschrifteten Formularen und sauberer Struktur ab dem ersten Entwurf, mit veröffentlichtem Preis vor dem Gespräch.

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